Zum Inhalt springen
366 Fehltage je 100 Versicherte: Psychische Gesundheit wird zur Managementaufgabe
Psychische Erkrankungen sind 2025 erstmals zur zweithäufigsten Ursache für krankheitsbedingte Fehltage in Deutschland geworden. Auf 100 DAK-versicherte Erwerbstätige entfielen 366 Fehltage und 10,7 Krankschreibungsfälle. Im Vorjahr waren es noch 342 Fehltage. Die durchschnittliche Dauer einer psychisch bedingten Krankschreibung stieg auf 34,2 Tage.
Lange Ausfallzeiten werden immer häufiger
Auch der Barmer Gesundheitsreport 2026 bestätigt die Entwicklung. Psychische und Verhaltensstörungen verursachten 21,9 Prozent aller krankheitsbedingten Fehltage und lagen damit vor Atemwegs- sowie Muskel- und Skeletterkrankungen. Obwohl sie deutlich seltener gemeldet werden, führen sie zu den längsten Ausfallzeiten: Im Durchschnitt dauerte eine psychisch bedingte Arbeitsunfähigkeit rund 40 Tage. Die Daten basieren auf den Arbeitsunfähigkeitsdaten von 2,4 Millionen bei der DAK versicherten Erwerbstätigen im Jahr 2025. Der DAK-Psychreport wurde am 1. Oktober 2026 veröffentlicht; der Barmer Gesundheitsreport erschien am 16. September 2026. Für Unternehmen ist das keine reine Gesundheitsthemen. Psychische Belastung wird zu einem strukturellen Leistungsrisiko: Sie führt nicht zu kurzen, planbaren Ausfällen, sondern zu langen Abwesenheiten, die Teams, Führung und Wiedereingliederung belasten.
Falsche Herangehensweisen
Viele Unternehmen reagieren auf steigende psychische Belastung mit Angeboten: Entspannungskurse, Sportzuschüsse, Apps oder Aktionstage. Diese Maßnahmen können sinnvoll sein. Sie lösen jedoch nicht die Ursache, wenn die eigentliche Arbeit dauerhaft zu viel, zu unklar oder zu wenig strukturiert ist. Die Barmer benennt zentrale Belastungsfaktoren: hohe Arbeitsdichte, Fachkräftemangel und permanente Erreichbarkeit. Gerade diese Faktoren entstehen nicht durch individuelle Schwäche, sondern durch die Art, wie Arbeit organisiert wird. Das Problem wird für Unternehmen besonders dann sichtbar, wenn Leistung weiterhin erwartet wird, obwohl Ressourcen, Rollen oder Prozesse nicht angepasst werden. Mitarbeitende übernehmen zusätzliche Aufgaben, arbeiten unter Zeitdruck und tragen Verantwortung ohne ausreichende Entlastung. Psychische Belastung entsteht dann nicht plötzlich, sondern entwickelt sich über längere Zeit. Für Geschäftsführer lautet die entscheidende Frage deshalb nicht: „Wie können wir krankheitsbedingte Ausfälle senken?“ Sie lautet: „Wie müssen wir Arbeit, Verantwortung und Führung organisieren, damit Menschen leistungsfähig bleiben?“ Wer psychische Gesundheit nur als Benefit behandelt, bekämpft Symptome. Wer sie als Managementaufgabe versteht, wirkt an den Ursachen.
Die wichtigsten Zahlen im Überblick
21.9%
aller krankheitsbedingten Fehltage entfielen laut Barmer auf psychische und Verhaltensstörungen.
012345678901234567890123456789
Fehltage je 100 DAK-versicherte Erwerbstätige entstanden 2025 durch psychische Erkrankungen, nach 342 Tagen im Vorjahr.
Jana Hoffmann
Redaktion, RheinWest HR Solutions
Psychische Gesundheit ist kein Zusatzprogramm. Sie ist ein Test dafür, ob ein Unternehmen seine Arbeit realistisch organisiert hat.
Dass muss jetzt passieren
Unternehmen sollten psychische Gesundheit nicht nur als HR- oder BGM-Thema behandeln. Der erste Schritt ist eine ehrliche Analyse der Arbeitsrealität: Wo entstehen Überlastung, unklare Prioritäten, dauerhafte Erreichbarkeit oder Verantwortung ohne ausreichende Ressourcen? Darauf aufbauend sollten Unternehmen ihre Rollen und Prozesse prüfen. Eine Rolle, die dauerhaft mehrere kritische Funktionen gleichzeitig abdecken muss, ist kein Effizienzgewinn, sondern ein Belastungsrisiko. Ebenso problematisch sind Entscheidungswege, bei denen Mitarbeitende zwar Verantwortung tragen, aber nicht über die notwendigen Befugnisse oder Informationen verfügen. Führungskräfte brauchen dafür eine klare Rolle. Sie müssen Belastungen frühzeitig erkennen, Gespräche ermöglichen und Grenzen setzen können. Die Barmer empfiehlt Unternehmen deshalb, Führungskräfte gezielt zu unterstützen und gesundheitsorientiert zu führen. Wichtig ist außerdem eine systematische Auswertung. Unternehmen sollten nicht nur Krankenstände betrachten, sondern Muster erkennen: In welchen Teams steigen Ausfälle? Welche Rollen sind besonders belastet? Welche Prozesse erzeugen wiederkehrende Reibung? Die DAK empfiehlt, Strukturen und Prozesse genau zu betrachten und Mitarbeitende an Veränderungsprozessen zu beteiligen. Schließlich braucht es verbindliche Maßnahmen statt einzelner Aktionen. Dazu gehören realistische Prioritäten, klare Erreichbarkeitsregeln, ausreichende Vertretungsregelungen, regelmäßige Lastverteilung und ein Wiedereingliederungsprozess, der nicht erst nach Monaten beginnt.
Strukturen und Prozesse im Unternehmen genau betrachten
"Um arbeitsbedingte Belastungen zu reduzieren, ist es wichtig, die Strukturen und Prozesse im Unternehmen genau zu betrachten und die Mitarbeitenden an Veränderungsprozessen zu beteiligen."
DAK-Gesundheit
im Zusammenhang mit dem Psychreport 2026.
Fazit
Psychische Erkrankungen sind 2025 zur zweithäufigsten Ursache für krankheitsbedingte Fehltage geworden. Auf 100 DAK-versicherte Erwerbstätige entfielen 366 Fehltage, die durchschnittliche Falldauer lag bei 34,2 Tagen. Der Barmer Gesundheitsreport bestätigt: Psychische und Verhaltensstörungen verursachten 21,9 Prozent aller krankheitsbedingten Fehltage und damit die längsten Ausfallzeiten. Für Unternehmen entsteht daraus ein doppeltes Problem. Einerseits werden Teams durch lange Ausfälle belastet, Planung wird schwieriger und verbleibende Mitarbeitende übernehmen zusätzliche Verantwortung. Andererseits zeigen die Zahlen, dass psychische Belastung häufig strukturell entsteht: durch hohe Arbeitsdichte, Fachkräftemangel, permanente Erreichbarkeit und unklare Verantwortlichkeiten. Für uns lautet die zentrale Perspektive: Psychische Gesundheit ist kein Wohlfühlthema, sondern ein Indikator für organisatorische Belastbarkeit. Unternehmen, die ihre Mitarbeitenden langfristig leistungsfähig halten wollen, müssen nicht nur Angebote schaffen, sondern ihre Arbeit realistisch organisieren. Das bedeutet: Klare Prioritäten setzen, Rollen belastbar definieren, Entscheidungen dezentralisieren und Führung befähigen, frühzeitig zu reagieren. Erst dann wird aus Gesundheitsschutz keine isolierte HR-Maßnahme, sondern ein Bestandteil eines leistungsfähigen Unternehmens.
Quellen: tagesschau: Audi zieht „Schlechtwetterklausel“ für Werk in Neckarsulm Handelsblatt: Audi will mit Betriebsrat über weitere Einsparungen verhandelnArbeitsmarktbarometer / MEOS Q4-2026
Das könnte Sie auch interessieren:
Mindestlohn 2027: Jetzt Kosten und Entgeltstrukturen prüfen
Ab dem 1. Januar 2027 erhöht sich der Mindestlohn auf 14,60 Euro. Das betrifft nicht nur die Lohnabrechnung, sondern verändert auch Budgets, Minijobs und interne Gehaltsabstände.
Arbeitsrecht 2027: Was sich für Unternehmen ändert
Mehr Flexibilität bei Befristungen, neue Vorgaben bei Krankmeldungen und digitale Vertragsprozesse. Noch ist vieles geplant, die Vorbereitung lohnt sich trotzdem.
Zeiterfassung: Warum Unternehmen jetzt handeln
Die Pflicht zur Arbeitszeiterfassung besteht bereits. Die elektronische Form ist derzeit noch nicht verpflichtend. Unternehmen sollten ihre Prozesse dennoch jetzt vorbereiten.
Minijobs 2027: Diese Themen verändern sich bald
Minijobs bleiben, doch steigender Mindestlohn und mögliche höhere Abgaben machen eine genaue Kostenanalyse für Unternehmen unverzichtbar.
IT-Sicherheit: 79.000 unbesetzte Stellen.
Besonders im Bereich IT-Sicherheit fehlen qualifizierte Mitarbeitende, während Cyberangriffe, regulatorische Anforderungen und die Abhängigkeit von digitalen Systemen weiter zunehmen.
© 2026 RheinWest HR Solutions GmbH. Alle Rechte vorbehalten.