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Hohe Krankenstände werden zum Tarifthema: Gesundheit wird zur Frage der Arbeitsorganisation
Die Arbeitgeber in der Metall- und Elektroindustrie wollen mit der IG Metall über Maßnahmen zur Senkung hoher Krankenstände sprechen. Bertram Brossardt, Hauptgeschäftsführer der bayerischen Metall-Arbeitgeber, erklärte, die Arbeitgeber hätten dazu einen „Gesprächswunsch“ angemeldet.
Ist Deutschland kränker als der Rest von Europa?
Brossardt verwies auf den Vergleich zwischen deutschen und europäischen Standorten desselben Unternehmens. Dort wirke es so, als sei die Bevölkerung in Deutschland kränker als anderswo. Eine abschließende Bewertung wolle er jedoch nicht vornehmen. Die Nachricht wurde am 2. November 2026 veröffentlicht. Sie ist Teil der laufenden Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie, in der rund 3,7 Millionen Beschäftigte vertreten sind. Die Arbeitgeber bieten 2,3 Prozent mehr Geld bei 26 Monaten Laufzeit, die IG Metall fordert fünf Prozent bei zwölf Monaten. Für Unternehmen ist das Thema deshalb relevant, weil Krankenstände nicht nur ein HR-Kennzahl sind. Sie zeigen, ob Arbeitslast, Führung und Organisation realistisch aufeinander abgestimmt sind. Wer Gesundheit nur als Kostenproblem behandelt, übersieht die eigentliche Ursache: eine Arbeitsweise, die Menschen langfristig überlastet.
Wenn Belastung zur organisatorischen Norm wird
Hohe Krankenstände entstehen selten über Nacht. Sie entwickeln sich, wenn Arbeitslast dauerhaft zu hoch ist, Prioritäten unklar bleiben und Mitarbeitende Verantwortung ohne ausreichende Ressourcen tragen. Gerade in industriellen Strukturen kommen Schichtarbeit, körperliche Belastung, Personalmangel und hoher Termindruck hinzu. Die Arbeitgeber argumentieren, dass hohe Krankenstände die Wettbewerbsfähigkeit belasten. Das stimmt: Ausfälle verändern Kapazitäten, verlängern Prozesse und erhöhen den Druck auf die verbleibenden Teams. Gleichzeitig darf Krankenstand nicht nur als Kostenfaktor betrachtet werden. Er ist auch ein Frühwarnsignal für eine Organisation, die ihre Arbeit möglicherweise nicht mehr realistisch organisiert hat. Das Problem entsteht, wenn Unternehmen auf hohe Ausfälle mit mehr Kontrolle reagieren. Krankmeldungen werden genauer geprüft, Rückkehrprozesse verschärft, aber die eigentliche Arbeitslast bleibt unverändert. Dadurch wird das Symptom behandelt, nicht die Ursache. Für Geschäftsführer lautet die entscheidende Frage deshalb nicht: „Wie senken wir den Krankenstand?“ Sie lautet: „Wie müssen wir Arbeit, Verantwortung und Führung organisieren, damit Menschen gesund und leistungsfähig bleiben?“ Gesundheit wird dann nicht zum Zusatzthema, sondern zum Bestandteil einer leistungsfähigen Organisation.
Die wichtigsten Zahlen im Überblick
3 700 000
Beschäftigte sind von der Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie betroffen
0123456789Wunsch
Die Arbeitgeber wollen mit der IG Metall über Maßnahmen zur Senkung hoher Krankenstände sprechen.
Cem von RheinWest
Redaktion, RheinWest HR Solutions
Hohe Krankenstände sind kein individuelles Problem. Sie sind ein Organisationsindikator dafür, ob Arbeit, Verantwortung und Führung noch zusammenpassen.
Dass muss jetzt passieren
Unternehmen sollten Krankenstände nicht nur statistisch betrachten, sondern ihre Ursachen analysieren. Der erste Schritt ist eine ehrliche Bestandsaufnahme: In welchen Teams, Schichten oder Rollen häufen sich Ausfälle? Welche Aufgaben erzeugen dauerhafte Belastung? Und wo fehlen klare Prioritäten, ausreichende Ressourcen oder verlässliche Vertretungen? Darauf aufbauend sollten Unternehmen ihre Arbeitsorganisation prüfen. Eine Rolle, die dauerhaft mehrere kritische Funktionen gleichzeitig abdecken muss, ist kein Effizienzgewinn, sondern ein Belastungsrisiko. Ebenso problematisch sind Prozesse, die Mitarbeitende zwar verantwortlich machen, aber nicht mit den notwendigen Befugnissen und Informationen ausstatten. Führung braucht dafür eine klare Rolle. Führungskräfte müssen Belastungen früh erkennen, Gespräche ermöglichen und Grenzen setzen können. Die Barmer empfiehlt Unternehmen deshalb, Führungskräfte gezielt zu unterstützen und gesundheitsorientiert zu führen. Wichtig ist außerdem eine systematische Auswertung. Unternehmen sollten nicht nur Krankenstände betrachten, sondern Muster erkennen: In welchen Teams steigen Ausfälle? Welche Rollen sind besonders belastet? Welche Prozesse erzeugen wiederkehrende Reibung? Die DAK empfiehlt, Strukturen und Prozesse genau zu betrachten und Mitarbeitende an Veränderungsprozessen zu beteiligen. Schließlich braucht es verbindliche Maßnahmen statt einzelner Aktionen. Dazu gehören realistische Prioritäten, klare Erreichbarkeitsregeln, ausreichende Vertretungsregelungen, regelmäßige Lastverteilung und ein Wiedereingliederungsprozess, der nicht erst nach Monaten beginnt.
Wenn man Unternehmen betrachtet, die verschiedene Standorte in Europa haben
Wenn man Unternehmen betrachtet, die verschiedene Standorte in Europa haben, dann sehe es so aus, als ob die Bevölkerung in Deutschland kränker sei als anderswo.
Bertram Brossardt
Hauptgeschäftsführer der bayerischen Metall-Arbeitgeber, zur Begründung des Gesprächswunsches mit der IG Metall.
Fazit
Die Arbeitgeber in der Metall- und Elektroindustrie wollen mit der IG Metall über Maßnahmen zur Senkung hoher Krankenstände sprechen. Hintergrund ist die laufende Tarifrunde für rund 3,7 Millionen Beschäftigte, in der gleichzeitig über Löhne, Arbeitszeiten und Beschäftigungssicherheit verhandelt wird. Für Unternehmen entsteht daraus eine zentrale Aufgabe: Krankenstände sind nicht nur ein Kostenfaktor, sondern ein Indikator für die Belastbarkeit der gesamten Organisation. Wer Ausfälle nur verwaltet, behandelt Symptome. Wer ihre Ursachen versteht, kann Arbeitsorganisation, Führung und Leistungsfähigkeit gezielt verbessern. Für RheinWest lautet die entscheidende Perspektive: Gesundheit ist keine Zusatzleistung, sondern eine Voraussetzung für Unternehmensleistung. Unternehmen, die ihre Mitarbeitenden langfristig leistungsfähig halten wollen, müssen nicht nur Angebote schaffen, sondern ihre Arbeit realistisch organisieren. Das bedeutet: Klare Prioritäten setzen, Rollen belastbar definieren, Entscheidungen dezentralisieren und Führung befähigen, frühzeitig zu reagieren. Erst dann wird aus Gesundheitsschutz keine isolierte HR-Maßnahme, sondern ein Bestandteil eines leistungsfähigen Unternehmens.
Weitere nicht im Text genannte Quellen: Osthessen Nws
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